II – Der Tragödie erster Teil von Nicholas
„Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug, als wie zuvor“ – große Worte eines großen Meisters. Auch, wenn der gute Goethe zugegebenermaßen nur wenig mit mir gemein hat: Dieser Satz geht mir an jenem Tag andauernd durch den Kopf. Dieser Tag, der Tag nämlich, an dem wir zum ersten Mal Models suchen waren. „Models“ – wie das schon klingt. Und überhaupt: Was ist eigentlich 'Style' und wer hat genug von ihm, um es in den Blog zu schaffen? Ach, großer Goethe, wäre ich doch nur in diesem Belange ein wenig klüger...
Zwei Wochen, nachdem wir Aufbau und Konzept der Seite fertig gestellt hatten, wagten Annka und ich uns das erste Mal auf die Straße. Mannheim sollte es sein – wie schwer könnte das schon werden? Dürfte doch nicht allzu kompliziert sein, an einem Tag zwei Dutzend gut angezogener Leute zu treffen – dann hätten wir bei einem Update pro Tag quasi für einen Monat ausgesorgt gehabt. Und Studenten, denen man ja gemeinhin eine gewisse Modeaffinität nachsagt, gibt es in Mannheim wohl auch zur Genüge. Summa Summarum also klang das – zumindest in der Theorie – doch echt vielversprechend…
Doch da standen wir nun, wir armen Tore – wie Goethe schon sagte – erschlagen von der erdrückenden Realität. Wir hatten uns im Vorfeld nur ein Ziel gesetzt: Gut sollte es aussehen. Doch natürlich ist „gut“ Geschmackssache und Recht machen kann man es sowieso nicht allen. Wir suchten jedenfalls Leute, die ein Gespür für Farben und Formen besaßen und damit modisch umzugehen wussten. Natürlich ist es ein komisches Gefühl, vom „Teil der Masse“ plötzlich zum selektierenden Medium zu werden; es lag nun schließlich in unserer Hand, wen wir auf der Seite haben wollten und wen nicht. Und hatten wir selbst überhaupt jenes Gespür? Durften wir uns dieses Recht denn überhaupt rausnehmen?
Und so liefen wir fragend einmal die Planken auf und ab, vom Wasserturm hoch zum Paradeplatz und wieder zurück. Was für uns von vornherein ein No-Go war, war der erdrückend einheitliche und daher stark uninspirierte Stil der neuzeitlichen Jugendbewegungen. Nicht, dass wir all diesen Menschen einen modischen Kombinationssinn, oder ein Gefühl für Formen und Farben absprachen, oder in klischeehaften Rastern dachten: Die Straßen waren einfach überfüllt von solchen jungen Menschen. Es ist schön für sie, dass sie einen Stil gefunden zu haben scheinen, in dem sie sich äußerlich repräsentieren und ausdrücken können. Aber etwas, das man zuhauf schon auf der Straße sieht, ist nicht mehr revolutionär und schon gar nicht mutig. Genau das Gegenteil unseres „Credos“, quasi.
Wir suchten mehr nach etwas Klassischem, kombiniert mit etwas Neuem, vielleicht noch eine Prise Gepflegtes mit dem nötigen Etwas. Und tatsächlich: nach zweistündigem Umherirren ein lauter Aufschrei. Dort, im Schuhgeschäft, schau ihn dir an! Ja, ich darf an dieser Stelle verraten: Annkas Augen funkelten. Wir hatten unser erstes Fashionmodel gefunden: Paul, Student an der Popakademie in Mannheim. Schicke, klassisch-anmutende Weste, gepaart mit einem aufreizenden Hemd, kombiniert mit einer farblich abgestimmten Hose und vollendet in mutigen Ledersandaletten. Ein Traum von einem Model!

Kurzerhand angesprochen, stieg Paul sogar sofort auf die Idee ein und ließ sich fotografieren. Was schön und gut war, denn nun hatten wir unser erstes Model im Kasten – man bedenke jedoch: nach zwei Stunden Suche! So manche im Vorfeld gemachte Illusion schien zu bröckeln. Zwar fanden wir an diesem Tag noch Patricia und Till – ebenfalls auf ihre Art ansprechend – doch, wenn man bedenkt, dass wir für diese drei Fashionmodels geschlagene vier Stunden unterwegs waren, wurde uns ziemlich schnell klar: Das wird ein hartes Stück Arbeit, was wir uns hier aufgebunden haben.
Denn eine Frage blieb auch am Ende des Tages ungeklärt: Was ist denn nun 'Style' und wer hat genug von ihm, um es in den Blog zu schaffen? Letzteres lässt sich jedenfalls schon mal beantworten: Nur die Wenigsten. Und das sage ich jetzt nicht von einem hohen Thron herab und spiele mich als Richter und Henker auf. So ist es nicht. Denn man bedenke eins: Im Grunde bin ich doch nur ein armer Tor und immer noch so klug, als wie zuvor. Danke, Goethe!